Kalkutta – Der unterschätzte Stern Indiens

Gemeinhin leidet Kalkutta unter dem Ruf, das Armenhaus Indiens zu sein. Für viele Weltenbummler scheidet die westbengalische Metropole damit als Reiseziel aus, für Insider ist sie aber umso interessanter. Doch zunächst ein kurzer Exkurs, weshalb die öffentliche Wahrnehmung dieser einzigartigen Stadt derart verschoben ist.

Nachdem Kalkutta über viele Jahre zu einem der zentralen Knotenpunkte der Britischen Krone in Indien gehörte, verlor es seit 1911 zunehmend an Bedeutung. Der Aufstieg Mumbais, die Erbauung des Sueskanals und das Ende des Opiumhandels nahmen der Stadt ihre Relevanz. Als dann auch noch die Hauptstadt Indiens nach Delhi verlegt wurde, war der Abstieg nicht mehr aufzuhalten.
Während die Wirtschaft strauchelte, zogen über die Jahre immer mehr besitzlose Einwanderer aus ganz Indien und den Nachbarstaaten in die Stadt, um dort ihr Glück zu finden. Der explosionsartige Anstieg der Bevölkerung, das Unvermögen der Stadtregierung damit umzugehen und die Tatsache, dass nahezu jeder der Einwanderer bettelarm und ohne Arbeit war, führten dazu, dass Kalkutta bis an seine Grenzen belastet wurde und sich Slums und Armenviertel bildeten, die der Stadt schließlich ihren zweifelhaften Ruf einbringen sollten.
Doch betrachtet man diesen Vorgang genauer, erkennt man, dass Licht und Schatten eng beieinander liegen. Durch die Zuwanderung gehört Kalkutta mittlerweile zu den 10 bevölkerungsreichsten Städten Indiens. 1947 wurde es sogar die Hauptstadt des Bundesstaates Westbengalen. Doch noch ein anderer Aspekt ist interessant. Im Gegensatz zu den meisten anderen indischen Metropolen, sind nach Kalkutta Menschen eines jeden Schlages gereist. Aus anderen Sprachgemeinschaften und anderen Kulturen. Dadurch wurde Kalkutta zu einem der vielfältigsten und buntesten Orte auf der ganzen Welt. Toleranz, Neugier und der Glaube an eine bessere Zukunft prägten schließlich die Stimmung der Menschen.
Die heilig gesprochene Ordensschwester Mutter Teresa erkannte das große Potential sowie die Not der Stadt und nahm sich ihr an. Mit großer Hingabe half sie den ärmsten der Armen und zog damit das öffentliche Interesse nicht nur auf sich, sondern auch auf ganz Kalkutta. Der Vatikan hält es für bewiesen, dass Mutter Teresa bis 1979 in Kalkutta Wunderheilungen an Kranken durchgeführt hat.

In der Folgezeit florierte auch wieder die Wirtschaft. Es wurde die erste U-Bahn eröffnet, die einen enormen infrastrukturellen Sprung nach vorn bedeutete. Darüber hinaus wuchsen die Reputation und der Einfluss der kalkuttischen Universitäten und Hochschulen, die im besonderen Maße von der Diversität der Bevölkerung profitierten.

Kaum eine andere indische Stadt kann auf eine so bewegte Geschichte wie Kalkutta zurück blicken. Und genau das macht die Metropole auch so faszinierend. Mit jedem Schritt durch die Gassen hat man das Gefühl, ein Stück Geschichte einzuatmen. Ob es die zahlreichen Tempel sind, wie der Birla oder der Jain Tempel, oder das Grab Mutter Teresas, das Stadion Eden Gardens, die vielfältige Theater- und Filmszene oder die zahlreichen interessanten Museen.

Heutzutage steigt die kalkuttische Bevölkerung kaum noch. Teilweise ist sie sogar rückläufig. Die Probleme der Stadt scheinen überwunden. Die Zeugnisse dieser aufregenden Entwicklung sind jedoch immer noch zu sehen und machen Kalkutta zu einem Ort, den man unbedingt einmal besucht haben sollte, weil es ihn in dieser Form kein zweites Mal gibt. Ein Ort, in dem Angehörige von über sechs verschiedenen Religionen friedlich zusammen leben, der nicht durch Massentourismus entmystifiziert wurde, sondern lebendig zeigt, welche Facetten das Leben zu bieten hat.